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Interview Grand Guitars

(German)

Heute hier, morgen fort

Wolfgang Schalks Musikreise

Von Michael Loesl

Wo immer Wolfgang Schalk ist, da ist auch Jazz. Der Gitarrist lebt und atmet Musik. Bei ihm handelt es sich um einen Besessenen, einen Fatalisten, einen, der sein Leben dem Jazz verschrieben hat. Wie gemacht also für die US-Szene, die er mit seiner eigenen Jazz-Auffassug bereichert ...

An seinem derzeitigen Standort Los Angeles ist Wolfgang Schalk einer der wenigen Profimusiker aus Österreich. Der Pianist und Produzent Peter Wolf fällt einem noch ein, aber der wohnt da, wo es superschick ist, drüben in Malibu. Schalk lebt in West-Hollywood, ein paar Meilen westlich von Downtown Hollywood. Es war keineswegs geplant, dass er sich einen Arbeitsraum in Kalifornien einrichten würde, seine erste Amerikaerfahrung machte er 1996 an der Ostküste. Damals suchte er New York auf, um für eine seiner CD-Produktionen mit dem „unglaublichen Mike Brecker“ arbeiten zu können. Die zwei Wochen damals waren für Schalk die Initialzündung, seine Zelte in Wien langsam zumindest teilweise abzubrechen und nach Amerika überzusiedeln. Im Sommer 1997 kam er schließlich mit einem Künstler-Visum am Hudson River an. Und mit dem Bewusstsein, seine Jazz-Exkursionen in Amerika fortsetzen zu müssen, wie er erzählt. „Es war mir wichtig, die Erfahrung des Austauschs mit anderen Jazz-Musikern in Amerika zu machen und vor allem, für eine Weile in den Wahnsinn von New York einzutauchen. Amerika ist nun mal die Geburtsstätte des Jazz. Oder, wenn man so will, ist der Jazz die Klassische Musik Amerikas. Ich hatte riesigen Respekt vor dem sogenannten Schmelztiegel New York City und ich erinnere mich noch, dass mein Bruder Josef Frank Zappas‚ Broadway The Hard Way’-Album zu meinem Abschied auflegte. Aber das bestärkte mich eher in meiner Motivation, statt mich abzuschrecken. Vor allem hat mich das gerühmte Überangebot an guten Musikern in Amerika interessiert. Ich habe mich in diesen Kreativherd New York förmlich saugen lassen. Die Stadt hat mich auch unmittelbar enorm inspiriert und elektrisiert. In jeglicher Hinsicht, selbst abseits von Musik. Und die Qualität der Rhythm-Sections, im Speziellen der Drummer, ist dort ganz einfach umwerfend. Trotzdem ist Amerika natürlich nicht das gelobte Land. Inzwischen bin ich im Besitz einer Green Card, ich habe allerdings immer noch ein gesundes Standbein in Europa. Meine Wohnung in Wien besitze ich nach wie vor. Ich hatte nicht das Gefühl, von irgendwo weggegangen zu sein. Ich suche mir lediglich immer wieder neue Energiefelder, die mich inspirieren.“

Die Essenz des Moments

Schalk erzählt, dass sich New York inzwischen immer weiter in Richtung einer 5-Sterne-Insel entwickelt, die sich fast nur Superreiche leisten können. Zwar ist er nach wie vor Mieter eines Lofts in Hoboken, New Jersey, momentan jedoch bezieht er seine Energie zum Großteil aus der, wie er sie nennt, „lebendigen Kunst- und Musikszene“ in Los Angeles. Ähnlich wie in New York, redet man dort nicht ewig lange über Gear oder Musik, sondern man spielt sie einfach, sagt er. „Einer der Österreicher, der in Amerika großen Erfolg hatte und den ich immer bewunderte, war Joe Zawinul. Wenn er interviewt wurde und ihm das Gefasel über Musik zu blöd wurde, redete er einfach übers Boxen. Er besaß die Gabe, all seine Gesprächspartner die Essenzen betrachten zu lassen. Das fand ich immer sehr erfrischend, es hat mir imponiert“, erinnert sich Schalk. Apropos Imponieren. Er erzählt, dass er den Wiener Jazz-Gitarristen Karl Ratzer und dessen Punch bewundert. Auch über Django Reinhardt redet er mit Respekt und Verehrung. Im Grunde genommen waren es aber vor allem amerikanische Jazz-Gitarristen, die ihn maßgeblich auf dem Findungsweg zu seiner eigenen Gitarristen-Sprache begleiteten. Wes Montgomery, George Benson, Pat Martino, Pat Metheny, Jim Hall, kurzum die Archtop-Helden. „Der sogenannte Jazzrock der 1970er Jahre hatte maßgeblichen Einfluss auf mich als Teenager. Ich verehrte John McLaughlin. Weather Report und Jaco Pastorius hatten mich ganz einfach umgehauen und in den Bann gezogen. Von dort aus ging ich sozusagen den umgekehrten Weg in die Welt der großen Meister zurück. Wes Montgomery ist bis heute mein erklärter Held geblieben. Ich kaufe nach wie vor CDs und neuerdings auch sehr gerne wieder Vinyl, aber es gibt eigentlich kaum aktuelle Plattenproduktionen, die mich umwerfen. Deshalb kaufe ich dann immer wieder gerne Sachen, die mir bis heute in meiner Diskografie fehlten.“

Die Wahrheit übers Jazz-Platten Verkaufen

„Grundsätzlich messe ich dem ganzen
Business-Zirkus keine Riesenbedeutung bei,
sondern konzentriere mich lieber auf das Wesentliche.“

Wolfgang Schalks neues Album „From Here To There“ nährt das Hoererbedürfnis nach leidenschaftlicher Hingabe an den Jazz und die Gitarre als Lead-Instrument, ohne die Ohren mit Noten zu überladen. Mit Akribie und, wenn es sich nicht so pathetisch lesen würde, mit Liebe platziert Schalk die Gitarre in seiner Musik gleichsam tonangebend, dabei nicht vorlaut. Seine Komposition „Wow Wow What?“ ist metrisch überaus anspruchsvoll gestaltet, besitzt aber gleichzeitig im Arrangement und in der Melodiengabe einen emotionalen Türoeffner. Die Musik packt auf sentimentaler Ebene. Sie ist weder so überkandidelt sentimental, dass sie geschmäcklerisch klingt, noch bedient sich Schalk der Griffbrett-Turnerei. Der geschmackvoll gestaltete Mittelweg gelingt nicht vielen. Schalk hat ihn ganz offensichtlich gefunden und sein genuiner Komponisten- und Gitarristen-Duktus erschließt deshalb unmittelbar. Um es auf den Punkt zu bringen: Schalks Musik packt einen einfach. Gleiches gilt für die andere Seite seines musikalischen Spektrums, die Balladen, deren Prägungen auf Bach und Chopin verweisen. Bei aller Lobpreisung liegt natürlich auch bei Schalk die Frage nahe, ob es sich im Zeitalter der rigorosen Selbstbedienung von Musik seitens der geneigten Hörerschaft überhaupt lohnt, die Kosten für eine CD-Produktion auf sich zu nehmen. „Es lohnt sich auf jeden Fall, mein neues Album wurde sogar auf 160-Gramm-Audiophile-Vinyl aufgelegt. Für mich ist eine neue Platte mehr als eine Business-Card oder ein Dokument. Ich sehe es als musikalisches Statement einer kreativen Schaffensphase. Die Mission sollte eigentlich sein, dass
man sich selbst treu bleibt, aus innerster Überzeugung kreiert und keine Kompromisse eingeht, unabhängig davon, was man macht. Vor zehn Jahren haben viele prophezeit, dass es heute gar keine CDs oder Vinyl-Platten mehr geben würde. Das Gleiche sagte man über Print-Erzeugnisse, Zeitschriften und Zeitungen. Wenn man in L.A. an einen News-Stand geht, sieht man mehr Magazine denn je zuvor. Die eigentlichen Produktionskosten machen zumindest bei mir die Studiobuchungen und die Honorare der Musiker aus. Das Pressen der Platten kostet nicht die Welt. Bei mir rechnet sich der Verkauf von Platten nach wie vor. Und ich nehme Künstler und Plattenfirmen durchaus in die Pflicht, Platten zu veröffentlichen. Wenn nur noch Streaming Services den Musikmarkt prägen und die Musiker weiterhin quasi so gut wie nichts davon abbekommen, wird das Musikbusiness leider wohl wirklich bald am Ende sein. Mein Katalog ist auf Streaming Services nicht verfügbar und ich kann nur jedem Musiker raten, seine Musik dort ebenfalls nicht zu platzieren. Grundsätzlich messe ich dem ganzen Business-Zirkus keine Riesenbedeutung bei, sondern konzentriere mich lieber auf das Wesentliche. Musik und Kunst wird er auf alle Fälle geben, solange es Menschen auf diesem Planeten gibt.“

„It’s hard“

Schalk hält einen Moment inne und erzählt von einem Konzerterlebnis in Los Angeles. Joe Zawinul trat in einem Club auf, damals bereits 75 Jahre alt, kurz vor seinem Tod. „Irgendwann, mitten im Konzert, nahm er sich das Mikro und sagte ‚It’s hard’. Es wurde still in dem Club, weil die beiden Worte aus dem Munde eines Mannes, der als Leader von Weather Report unglaubliche Erfolge gefeiert hatte, eine wahnsinnige Kraft besaßen. Zawinul war kein Freund von Kompromissen und er erlebte vermutlich in seiner Karriere ein unglaubliches Auf und Ab. Er ahnte es vielleicht damals nicht, aber er sprach mit diesen zwei Worten vielen Leuten Mut zu. Jemand, der Jazz-Weltgeschichte geschrieben hat mit ‚Birdland’, ,Mercy, Mercy, Mercy’ und vielen anderen Nummern, sagte, dass es schwer ist. Das war ein prägender Wow-Moment. Joe hat Zeit seines Lebens Musik gemacht, weil er sie machen musste. Er hat wahrscheinlich nicht allzu viel darüber nachgedacht, sondern gemacht. Diesem Geist
fühle ich mich verwandt.“

Low-Tech und Magie

„Es ist schon was dran an der Vermutung, dass
Musik klingt, wenn zwei Leidenschaften zusammenkommen.
Die Leidenschaft des Gitarrenbauers
und die Leidenschaft des Gitarristen.“

Schalks Schmuckstück ist eine 51er Gibson ES 175. „Davor hatte ich ein 78er Modell, aber das habe ich verkauft, weil die 51er einen direkteren Sound und ein gutes Feeling besitzt, mit dem ich mich mehr verschweißt fühle. Ich bin kein Sammler und kann und will es mir nicht leisten, ein Übermaß an Gitarren im Haus zu haben. Ich habe zur Zeit neun Gitarren, die ich gerade noch alle mehr oder weniger regelmäßig spielen kann. Meine zweite Lieblingsgitarre ist eine Gibson L-4C von 1948. Die spiele ich fast ausschließlich daheim. Auf meinem neuen Album spiele ich sie im Stück ‚Starlit’. In Utah gibt es einen tollen Gitarrenbauer, der Ryan Thorell heißt. Er gehört dieser neuen Generation von Archtop-Gitarrenbauern an, die ausgezeichnete Gitarren kreieren. Mit ihm stehe ich seit Jahren in Kontakt und er baut mir gerade eine maßgeschneiderte Archtop. Eigentlich war es mir immer zuwider und ich fand es beinahe dekadent, eine auf meine Hände zugeschnittene Gitarre bauen zu lassen, weil ich glaube, dass keine Gitarre besser sein kann als die, auf der ich zuletzt spielte. Meine alte Gibson ist so wertvoll für mich, dass ich sie in Zukunft ein wenig schonen mag. Sie reagiert äußerst empfindlich auf Temperaturunterschiede und ist deshalb für Konzertreisen immer eine etwas sensible Angelegenheit. Thorell baut mir eine mehr oder weniger identische Gitarre mit etwas anderen Dimensionen. Seine Gitarre ist einen Touch dünner, allerdings wird sie einen stärkeren Akustik-Ton haben. Das ist mir ein großes Anliegen, da ich am liebsten unplugged spiele, was natürlich live mit Band nicht geht. Ich bin ein Low-Tech-Gitarrist und die ES 175 transportiert den elektrisch-akustischen Sound für meinen Stil perfekter als die L-4. Die Thorell wird mir ziemlich sicher den Sound der Gibson liefern können, aber mit beständigerem Tuning. Mein ‚Effekt’, wenn man so will, ist ein gutes Kabel, das den Gitarrensound so direkt wie möglich zum Verstärker leitet. Beim Stück ‚Wow Wow What?’ auf der neuen Platte habe ich etwas Overdrive angedreht. Ich beneidete Saxofonisten für ihren Distortion-Sound. Mein cleaner, trockener Sound mag schon mein Markenzeichen sein, wenn man so will. Aber derzeit macht es mir ab und zu auch wieder Spaß,etwas Distortion beizusteuern. Was mit der dicken Archtop einen ganz eigenen Sound schafft. Generell jedoch mag ich Effekte beim Spielen von Jazz-Gitarren gar nicht.“ Auf den beiden Balladen seines neuen Albums spielt Schalk eine Klassische Gitarre des Master-Luthiers Alan Carruth, der an der amerikanischen Ostküste beheimatet ist. „Die fiel mir interessanterweise in einem Second-Hand-Shop in Wien in die Hände. Sie gehörte mal Wolfgang Muthspiel. Ich spiele sie bis heute. Es ist eine Cutaway mit kleinerem Body. Ich spiele mit dem Gedanken, mir eine fettere Konzertgitarre von Alan Carruth bauen zu lassen. Es ist schon was dran an der Vermutung, dass Musik klingt, wenn zwei Leidenschaften zusammenkommen: die Leidenschaft des Gitarrenbauers und die Leidenschaft des Gitarristen. Dann hat dieses Magische eine Chance, mit dem sich in musikalischer Sprache umschreiben lässt, was man mit Worten nicht sagen kann.“

AKTUELLES ALBUM
Wolfgang Schalk
From Here To There
Label: Frame Up Music

http://www.grandguitars.de/


 
 
 

OUT NOW!

Frame Up Music (2016)

WOLFGANG SCHALK · GUITARS
ANDY LANGHAM
· PIANO
CARLITOS DEL PUERTO
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Available as CD, LP [160-G Audiophile Vinyl w/ Download Card] & Digital

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